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Das imagami-Prinzip
Form + Mensch Diese Seite handelt vom Formprinzip, |
Die Funktion folgt aus der Form
Der Leitsatz für Gestalter „form follows function“ besagt, dass sich die Form der Dinge aus ihrem Zweck ergeben soll. Umgekehrt lässt sich demnach auch aus der Form eine Funktion ableiten. Fast Jeden erinnert das imagami an irgendetwas. Also habe ich die Form analysiert, das imagami-Prinzip erkannt und mich auf die Suche gemacht: Wo gibt es diese Form und zu welchem Zweck wird sie verwendet? Viele Beispiele aus aller Welt habe ich gefunden. Einige Kulturen verwenden sie noch heute. In unseren Breiten endet der bewusste Einsatz im späten Mittelalter. Alle Beispiele zeigen erstaunliche Parallelen in der Anwendung und regen zur Nutzung des schöpferischen Potentials der imagami an.
Jeder Bereich der Natur und auch seine Abbildung enthält eine Information und teilt sie mit. Die imagami-Struktur verstärkt diese Botschaft und macht sie als seelische Qualität erlebbar. So stellt sich beim Betrachten eines imagami im Idealfall ein emotionales Erlebnis ein, das erfrischend und heilsam auf unser Gemüt wirken kann. Wir müssen uns nicht über den auf vielen Ebenen stattfindenden Austausch bewusst werden, um eine aufbauende Wirkung zu erfahren. Es lohnt sich aber, die verschiedenen Wirkungen zu ergründen, denn sind sie einmal erkannt, können imagami-Bilder entsprechend genutzt und gezielt eingesetzt werden.
„Die Ordnung einer eigentümlichen
Figur und der Zusammenklang einer
eigentümlichen Zahl rufen
alle Dinge herbei.“
Giordano Bruno
Grafik nach Giordano Bruno: “Figur des Geistes“, Prag 1588 >
Welche Komponenten verbinden ihre Eigenschaften zum wirkenden Ganzen des imagami-Prinzips? Die meisten imagami haben einen zentralen Mittelpunkt, vier gleiche Seiten und eine Struktur von Symmetrien, wie wir sie von der Windrose kennen. Die Symmetrie entsteht durch die Spiegelung gleicher Bildteile. Sie fügen sich kreisförmig um ein Zentrum zu einer neuen Ordnung. Betrachten wir nun die Komponenten im Einzelnen, um darüber die Wirksamkeit zu verstehen.
Die Vier im Menschen
Warum beruhen die meisten imagami auf einer vierstrahligen Symmetrie? Die Vier ist die Zahl des Lebens auf der Erde, daher stellt sich die Schöpfung dem Menschen in der Vierheit dar. Das Quadrat als regelmäßiges Viereck und das Kreuz als Vierstern sind die geometrischen Figuren, in denen wir die Vier wahrnehmen können. In den klaren Eigenschaften des Quadrats erkannten viele Kulturen ein Bild der Erde. Das Quadrat bildet vier „rechte Winkel“, die man, wie der Name schon sagt, für die richtigen hält: Im rechten Winkel steht der Mensch zur Erde. Im rechten Winkel schaut er in die Welt und orientiert sich mit Vorne, Hinten, Rechts und links in die Hauptrichtungen des Raumes. Die Himmelsrichtungen galten auch als die Ursprungsorte der vier Winde und Ordnungslinien der Welt. Das Kreuz findet der Mensch auch in seinem ausgestreckten Körper. Es ist für ihn das universellste Symbolzeichen.
Von der Einheit in die Stofflichkeit:
Die Figur der Pyramide;
unten: 2-dimensionale Darstellung,
Pyramide von oben gesehen.
Die Vierzahl steht auch für das Denken des Menschen, der seinen Platz in der Weltordnung sucht. Die kosmischen Gesetze entdeckt er in der Geometrie und erkennt in der Geometrie wiederum die Gesetze des Kosmos. Pythagoras, der große Lehrer der Griechen, wurde als einziger Mensch seiner Zeit in alle Mysterien eingeweiht. Er schreibt, dass Gott „unserer Psyche die heilige Vierzahl anvertraute, eingepflanzt dem ewigen Wesen.“ Auch bei den platonischen Körpern, die für Pythagoras alchemistische Grundstrukturen des Lebens waren, steht der Kubus für die Erde und den begrenzten Raum. Zahlensymbolisch entspricht die Vier auch der verkörperten Eins (= Einheit). Denn aus der Einheit steigt das geistige Wesen als Mensch in die Vierheit der Materie, die auf diesem Planeten unsere Mater (lat. Mutter) ist. Die Pyramide ist ein Bild dafür. Ursprünglich waren die Spitzen der ägyptischen Pyramiden vergoldet, weil sie Teil des Geistigen sind und direkt in die Vierheit der quadratischen Basis (=Erde) führen.
Zahllose Systeme ordnen die schwer überschaubare Vielheit der Schöpfung in vier Bereiche.
Die folgenden Beispiele aus unserem Kulturkreis verdeutlichen das:
Die Erde in der Harmonik der Vierheit |
||||
Richtungen |
Osten |
Süden |
Westen |
Norden |
Norden |
Luft |
Feuer |
Wasser |
Erde |
Zustände |
trocken |
heiß |
feucht |
kalt |
Temperamente |
Sanguiniker |
Choleriker |
Melancholiker |
Phlegmatiker |
Jahreszeiten |
Frühling |
Sommer |
Herbst |
Winter |
Lebensalter |
Kindheit |
Jugend |
Reife |
Alter |
Pflanzen |
Knospe |
Blüte |
Frucht |
Same |
Tageszeiten |
Morgen |
Mittag |
Abend |
Nacht |
Vierfältige Symbole sind immer ein Bild für die Ganzheit, weil sie die irdischen Verhältnisse
in ausgeglichener Harmonie bedeuten. Manche religiöse Gemeinschaft des Mittelalters
war der Ansicht, dass der Schöpfer selbst die Natur in Vierergruppen anlegte.
Die Vollkommenheit des Kreises
Eine weitere grundlegende Form des imagami ist der Kreis. Bei vielen Bildern ordnen sich die Bildteile in einer Weise an, dass eine kreisförmige Wirkung entsteht. Kreise entwickeln in ihrer Geschlossenheit ein besonderes Kraftfeld, das z.B. bei Zusammenkünften von Menschen eine stärkende Wirkung auf die Gemeinschaft hat: Man setzt sich im Kreis, führt Kreistänze aus oder tagt am „runden Tisch“.
Der Kreis ist eine der großen archetypischen Formen des Menschen, denn er ist uns seit jeher beim Anblick von Sonne und Mond vor Augen. Oft steht der Kreis im Gegensatz zum Quadrat als Symbol für den Himmel, im Gegensatz zur Materie für das Geistige. In allen Kulturen steht der Kreis aber für Einheit, das Absolute und die Vollkommenheit, denn seine Linie ohne Anfang und Ende ist unendlich. Für C.G. Jung ist der Kreis ein Symbol für die Seele und das Selbst.
Die Struktur der Seele
Der Philosoph Porphyrios erkannte das in den Kreis gezeichnete Kreuz als Symbol des Seelischen im Kosmos. Im Wissen der alten Eingeweihten finden wir einen Schlüssel für die Wirksamkeit des imagami-Prinzips. Stellen wir uns das vierstrahlige Formprinzip als die Struktur unserer Seele vor, dann schauen wir beim Blick auf ein imagami in einen Spiegel unserer Seele. Es spiegelt uns die Botschaften der ganzheitlichen Naturreiche in einer uns selber entsprechenden Weise.
Rad der Lehre: Buddhistisches Symbol
Der Kreis im Quadrat ist ein Bild für den in der materiellen Welt enthaltenen göttlichen Funken. Die Quadratur des Kreises ist nicht nur als eine mathematische Aufgabenstellung zu verstehen. Es ist der alchemistische Mythos von der Vereinigung des Irdischen mit dem Göttlichen gemeint. Vielleicht findet die Quadratur des Kreises im imagami eine mögliche Lösung.
Sonnenkalender Stonehenge
Zeitenkreise im Raum
Wenn man die sich wiederholenden Zyklen auf der unendlichen Kreislinie als Punkte vorstellt, kommt als neue Dimension die Zeit hinzu. So stellt der Kreis auch einen räumlichen Bezug zu zeitlichen Rhythmen, wie dem Sonnenlauf, her. In großen Sonnenkalendern, wie Stonehenge, markiert das Sonnenlicht den jahreszeitlichen Stand des Umlaufs räumlich an besonderen Stellen der kreisförmig umlaufenden Horizontlinie. In der Grafik der keltischen Feste im Jahreslauf erkennen wir in der Kreuzform die Achsen des Raumes. Die diagonalen Achsen haben eine andere Qualität. Sie markieren die Mondenfeste im Jahr. Weil der Rhythmus des Mondes nicht im Sonnenjahr aufgeht, verändern sich die Termine der Mondfeste von Jahr zu Jahr. Darin finden wir einen Hinweis auf die Qualität der Diagonalen als Achsen der Zeit.
Sonnenfeste > Achsen des Raumes | Mondenfeste > Achsen der Zeit
Aztekenkalender >
Auch die christliche Mystik
verwendet Zahlen und Formen zur Darstellung der Harmonie im Reiche Gottes. Das Fresco der Himmelfahrtskirche in Jerusalem zeigt Jesus als Herrscher der Welt in imagami-Proportionen. In der Mitte Jesus im Zustand der Einheit, auf Sonne und Mond als kosmischer Grundlagen fußend. Die Erzengel schützen die Pforten in den Himmelsrichtungen. Die kleinen Medaillons in den Diagonalen zeigen die Evangelisten in ihrer tierhaften Symbolik und im Bezug auf die vier Elemente. Kreisförmig runden die zwölf Apostel im Tierkreis entsprechend die Komposition ab und deuten auf die Dimension der Zeit.
Abbildung: www.pixelio.de
Aus: sirtaro bruno hahn," Das imagami-Prinzip", 2008